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Die Echolinge vom Flüsterpfad

     Beunruhigt blickte Pein Eppel zum Himmel und verfolgte einen gefräßigen Windwolf mit den Augen. Gegen die fletschenden Zähne, die riesigen Pranken mit den messerscharfen Klauen und das zottelige Sturmfell dieser wilden Kreaturen wirkten die zahmen Windhunde Süd Salatoniens fast wie Hauskätzchen. So lange sich die beiden jedoch zwischen den schützenden Wänden des Gebirgspasses aufhielten, fegten die Kreaturen ungehindert über sie hinweg.

     »Wie weit mag das noch sein?«

     »… das noch sein …«

     »… noch sein …«, rief die Ananas ihrem Gefährten zu, der vorausgegangen war, als er sich den Windwölfen gewidmet hatte.

     Starvarius schaute fragend zurück. Nicht, weil er über Peins Frage nachdachte, sondern weil er sich darüber wunderte, dass die Steilwände ein Echo zurückwarfen.

     »Vielleicht noch zwei oder drei Stunden!«

     »… oder drei Stunden …«

     »…unden …«

     Nun wunderte sich auch die Ananas. Das Echo klang … unnatürlich … wie … aus allen Ecken. Die Sternfrucht hatte ein schwaches Gefühl, eine seltsame Ahnung, aber sie konnte es einfach nicht benennen.

     »Hallo?!«

     »Hallo ...«

     »...allo ...«

     Das Wort klang von links und rechts, unten vom Boden und oben von den Kanten der Felswände wider.

     Die Ananas zog eine Augenbraue hoch. »Echos sind doof!«

     »Wanderer sind doof …«

     »… sind doof …«

     »… doof …«

     Irritiert kratzte Pein sich an der Stirn. Er konnte sich nicht erinnern, das gesagt zu haben.

     Starvarius grinste. »Zurzeit zieh’n zehn zahme Zeitziegen zehn Zentner Zorbelerz zum Zwetschgenwald!«

     »Zurze ziehn zeh … zeh zahm Ziegn zehn Zorblzenter zum Zwald.«

     »… ähh … Zorbelerz … Zwetschgen …«

     »… zwölf …«

     Jetzt hatte Starvarius den Täter! Aus der Menge der widerklingenden Stimmen hatte er sich eine herausgepickt und wusste nun genau, wo sich das Wesen befinden musste. Also zog er surrend das Langschwert aus dem Gürtel, wirbelte herum und richtete es genau auf einen wenige Zentimeter breiten Felsvorsprung. Hier stand ein Pilz, der verängstigt auf die Spitze des Einhänders schielte und mit bibbernder Stimme »Surrr!« rief, um das Geräusch zu imitieren, welches das Schwert beim Ziehen gemacht hatte.

     Starvarius senkte die Waffe und musterte das Pilzwesen skeptisch. Als Pein seinen Blick über den kargen Boden, die Klippen und die Felsvorsprünge wandern ließ, stellte er fest, dass der ganze Pass voll von diesen Pilzen war – und jeder biss sich in diesem Augenblick verkrampft auf die Unterlippe, um seinen Standort nicht zu verraten.

     Die Ananas beugte sich ganz tief herab und näherte sich mit der Nase einem der Nachplapperpilze so sehr, dass er seinen Hut mit der Nasenspitze anstieß und ihm tief in die Augen sah. »Sag was!«, sprach er ruhig, aber mit einem bedrohlichen Unterton.

     Der Pilz zitterte und schüttelte den Kopf, wenn man ihn denn so nennen wollte.

     Auch Starvarius hatte sich hingekniet und musterte einen der Pilze genauer. »Was seid ihr?«, sprach er interessiert.

     »… seid ihr … ihr …«, antwortete der Pilz zögerlich, fast flüsternd.

     Pein Eppel erhob sich und schaute zu seinem Begleiter hinüber. »Wollen wir sie ein bisschen foltern?«

     Der Augenblick, in dem sich fast tausend Pilze gleichzeitig finster nach der Ananas umdrehten, war so synchron, dass er schon selbst wieder ein Geräusch erzeugte.

     Die Sternfrucht beugte sich wieder hinab und begann, den Pilz mit dem Finger zu stoßen. »Ich weiß, dass du sprechen kannst!«

     »… sprechen kannst …«, antwortete der Gebirgsbewohner trotzig.

     Pein zuckte mit den Schultern, schnaubte verächtlich und marschierte an Starvarius vorbei. »Ist das denn überhaupt wichtig, was sie sind?«, sprach er im Vorbeigehen. »Die taugen doch höchstens noch für ’ne gute Suppe.«

     »Das verbitte ich mir!«, keifte der Riesenchampignon und fiel damit aus seiner Rolle.

     »Aha!«, platzte Starvarius triumphierend heraus und drückte dem Pilz ein weiteres Mal den Finger ins Auge.

     »Lass das, ich rede ja schon!« Er räusperte sich und schüttelte etwas Kalkstaub von seinem Hut. »Wir sind die Echolinge, Einwohner des Flüsterpfades.«

     »Eure einzige Aufgabe besteht also darin, die Stimmen der Wanderer zu imitieren?«

     Der Echoling wich entsetzt zurück. »Oh nein! Viel mehr als das! Unsere Spezialität ist Wind!«

     »Wind? Ihr imitiert Wind?«

     »Selbstverständlich! Zeigen wir’s ihnen, Jungs!«

     Deutlich hörbar atmeten die Pilze auf dem Flüsterpfad tief ein und ohne dass dieses spürbarer durch den Pass fegte, erklang die Geräuschkulisse eines heftig tobenden Unwetters mit stürmendem Pfeifen, Rascheln in den Baumwipfeln, tobenden Staubwirbeln und allem, was sonst so dazugehörte.

     Starvarius nickte begeistert, als sich das Schauspiel dem Ende neigte. »Ziemlich authentisch.«

     Der Echoling verneigte sich geschmeichelt. Da Pein Eppel jedoch nervös von einer Felswand zur anderen schlurfte und dabei immer wieder zum Berg hinaufblickte, erhob sich Starvarius und zeigte mit dem Daumen zum Nordgipfel. »Wir müssen dann mal weiter.«

     Der Pilz legte die Stirn in Falten und schaute dem Daumen nach zum Gipfel der Erkenntnis. »Da rauf?«

     »Da rauf.«

     Der Echoling nickte. »Dann lasst euch bei eurem Aufstieg von unserer neuesten Komposition unterhalten. Wir nennen sie: Regnerischer Frühlingsmorgen mit Vogelgezwitscher in C-Dur.«

     Der Recke lachte entzückt auf und verabschiedete sich freundlich. Er musste inzwischen in jeder Region ganz Salatoniens Freunde gefunden haben. Und Pein Eppel fügte seiner Liste eine weitere Spezies hinzu, der er in Zukunft aus dem Weg gehen würde.