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Von Donnerlingen und Regenwürmern

     Der nächste Morgen war trüb und der Himmel mit Wolken behangen. Schon als sie den Waldrand erreicht hatten, fiel Starvarius auf, dass der Schnee nach außen hin taute und es zunehmend wärmer wurde. Dieser Eindruck bestätigte sich, je weiter sie nach Westen kamen. Doch noch bevor der kompakte Pass in Sichtweite rückte, ergoss sich die graue Wolkendecke in einem dichten Regenschauer.

     Wie ein Vorhang legte sich der Regenguss über die Landschaft und mühsam kämpfte ich gegen die Wassermassen an, die sich langsam in mein Gefieder sogen. Innerhalb weniger Minuten hatte sich der Schauer in ein handfestes Gewitter verwandelt und kläffende Windhunde zeichneten mit ihren rasanten Bewegungen Muster in den Regen oder warfen mich schadenfroh von einer Seite auf die andere. Haifu, der Gott des Windes, hatte seit Jahren Gefallen daran gefunden, seinen Stürmen etwas mehr … Charakter zu verleihen.

     »Darf ich mal kurz?«, piepte eine hohe Stimme hinter meinem Rücken.

     Als ich Platz machte, schwirrte ein winziger Donnerling an mir vorüber und nickte mir dankbar zu, während er seinen Schutzhelm um den kleinen Kopf schnallte.

     »FERTIG?!«, brüllte die Wettererscheinung mit einem beeindruckenden Organ über die Ebene.

     »FERTIG!«, hallte es von der anderen Seite zurück.

     Die winzigen Flügel des Donnerlings begannen, rasant zu vibrieren, bis sie mit dem bloßen Auge nicht mehr wahrnehmbar waren. Dann schmetterte das Kleinstlebewesen so urplötzlich und schnell in Richtung seines Kollegen, dass die Regentropfen mitgerissen wurden und einen kleinen Strudel hinter ihm bildeten. Mit einem grollenden Donner prallten die beiden Kreaturen aufeinander und ein greller Blitz durchzuckte den Himmel. Kein richtiges Gewitter ohne Donnerlinge!

     Um möglichem Schaden zu entgehen, begab ich mich in den Sinkflug und ließ mich auf dem schlafenden Pein Eppel nieder. In diesem Moment ertönte ein greller Schmerzenschrei.

     »Auaaa! Argh!«

     Starvarius hielt sofort inne und blickte erschrocken an sich herunter. Der Schauer war inzwischen so heftig geworden, dass sich die Tropfen zu durchsichtigen Regenwürmern versammelt hatten, die überall an den Reisenden hafteten und auch gemächlich über den Trampelpfad krochen. Einer davon lag nun schmerzlich jaulend links und rechts von Starvarius’ Lederstiefel.

     »Du hast mich umgebracht! Ich sterbe! Mörder!«

     Die Sternfrucht wich zurück und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. In der Weiten Flur regnete es so gut wie nie und Regenwürmer kannte man allenfalls im Nordwesten oder am Rande Tomatoliens. Eine der Weißweintrauben schmunzelte und beugte sich zu dem wehklagenden Wurm herab, um ihn vorsichtig in beide Hände zu nehmen.

     »Begrabt mich bei meinen Vorfahren! Sagt meiner Frau und meinen Kindern, dass ich sie liebe! Oh, ich sehe das Licht! Ich komme, Großvater!«

     Die Traube schritt zu einer Pfütze hinüber und legte den Wurm behutsam ins kühle Nass. Unverzüglich begannen die beiden Teile wieder zusammenzuwachsen.

     »Was? Ich … ich lebe! Ich lebe! Ha! Ha! Ich leeeeeebe!«

     Der Regenwurm feierte seine Rettung noch weiter, lange nachdem die vier Reisenden außer Hörweite waren.